Platten, Pech und etwas Glück

Sarah Berndt

Am 24. Juli 2011 stellte ich mich erneut der Herausforderung  – Mitteldistanz.

Nach dem letzten  Jahr, indem ich so gut wie an keinem Wettkampf teilnahm und das letzte Rennen über die Mitteldistanz (1,9km Schwimmen, 90km Radfahren, 21km Laufen) zwei Jahre her war, wusste ich nicht, wie gut es mir gelingen würde. Sicher, die Distanzen kenne ich und irgendwie würde ich auch finishen, aber reicht es auch zu mehr? Ich wollte es wissen.

Die eigenen Ansprüche hielt ich klein, um bei dem ersten Rennen längeren Rennen nicht enttäuscht zu werden. Auch deshalb suchte ich mir einen entfernt liegenden unbekannten Wettkampf  Anfang des Jahres raus. – Antwerpen, Belgien sollte es sein. Schwimmen in einem künstlichen See, eine flache und als schnell eingeschätzte Radstrecke sollte folgen und gelaufen wurde durch die schöne Altstadt Antwerpens  drei Runden lang.

Nervosität – trotz oder gerade wegen der etwas sparsam organisierten Veranstaltung hielt sich mein Bangen in Grenzen. Nach der Ankunft in Antwerpen war nicht viel klar. Nur der Start am Sonntag. Alle weiteren Informationen  folgten im Laufe des Samstags. Die Belgier schienen es nicht so genau zu nehmen ungleich vieler anderer Veranstalter. Es gab nur eine spärliche, in Englisch gehaltene, Athleteninfo und auch die Ausschilderung zu den wichtigen Punkten (Akkreditierung, Check-In) wurde irgendwann am Samstag aufgestellt. Diese entspannte Haltung war auch noch am Wettkampfmorgen bei den Athleten zu spüren. – Nichts für detailliebende und akkurat vorbereitete Triathleten. So konnte mir bis kurz vor dem Start niemand genau erklären, wie die Radstrecke verläuft. Doch von allgemeiner Unruhe war nichts zu spüren.  10:50 – 20min vor meinem Start hatte ich dann alle nötigen Infos zusammen.

Erfahrung – Es sollte alles anders kommen als gedacht. Das Wasser war eisig – 17 Grad – und der Himmel sah nach Regen aus. Doch die Überraschungen kamen nicht von oben, wie es zur gleichen Zeit in Frankfurt beim Ironman war. Nach dem Start musste ich mich gegen ungewohnt viele prügelnde Hände und Beine durchsetzten. Endlich frei von anderen Gliedmaßen spürte ich, wie meine Badekappe etwas vom Kopf rutschte. Da Kappen bei mir generell verrutschen, machte ich mir keine Gedanken bis sie ganz weg war. Etwas glitt noch über die Füße und dann hatte ich auch schon meine Haare vor der Schwimmbrille. Mit langen Haaren und einem Pony ist man einfach benachteiligt ohne Badekappe. So guckte ich wie eine Schildkröte immer wieder aufrecht aus dem Wasser, um den Kurs zu korrigieren oder auszumachen.

Endlich meiner schwächsten und verhunzten Disziplin entstiegen, freute ich mich auf das Radfahren. Ich fuhr motiviert los meine Mitstreiterinnen einzuholen. Die ersten in Sicht, hörte ich ein mir bekanntes Zischen. Es war zum Maus melken. Meinem Hinterrad entwich Luft und nicht zu wenig.   „Stehen bleiben und aufhören – das hat doch alles keinen Sinn“ waren meine ersten Gedanken. Doch dann riss ich mich zusammen. Für die bisher so spärlichen Rennkilometer wollte ich nicht nach Belgien gefahren sein. Also Schlauchreifen von der Felge würgen, den Ersatzreifen drauf kämpfen und dabei immer von einem Kampfrichter und seinem Motorradfahrer beobachtet werden, die mir zulächelten. Am liebsten hätte ich sie um Hilfe angebettelt, aber das ist nun mal nicht erlaubt. Nach endlosen Minuten hing der neue Schlauchreifen mit zu wenig Druck auf der Felge. Glücklicherweise half mir ein anderer Radfahrer mit einer Gaspatrone aus, nachdem die Kampfrichter frohen Mutes weitergezogen waren.

Optimismus – es konnte nur besser werden und wenn nicht, musste ich diese Pannen nicht erst zum Ende des Rennens einstecken. Da ich nichts zu verlieren hatte, kämpfte ich ziemlich verbissen auf dem Rad. Es machte Spaß gegen den starken Wind anzufahren, in dem Wissen, dass nach jeder Gegenwindpassage eine Rückenwindstrecke folgte – da flog ich förmlich die Straße lang. Die Wendepunktstrecke, die außerhalb der Stadt in einem Industriegebiet lag, musste dreimal gefahren werden, bevor man in die bevölkerte Innenstadt zurück durfte.

Unbeschwert und motiviert noch ein paar Plätze gut zu machen ging ich auf die Laufstrecke. Ich hatte kein Gefühl dafür wie schnell ich unterwegs war. Ich wusste nur, dass ich mehr Läufer/innen einsammelte als ich vorbei ziehen lassen musste.  Erschöpft und glücklich das Rennen doch noch fortgeführt zu haben stand ich am Ende bei den ersten Sonnenstrahlen dieses Tages im Ziel.

70.3 WM in Las Vegas – Am Abend stand es schwarz auf weiß: Ich konnte mich auf den 3. Platz meiner Altersklasse vorkämpfen. Der Abstand zur Zweitplatzierten war überschaubar – ohne Pleiten und  Pannen wohl auch einholbar gewesen. Die Erstplatzierte hingegen stach mit einem souveränen Vorsprung durch ihren abschließenden Lauf hervor.

Hätte….Wäre…Wenn…Ich war nun mal Dritte und es gab nur einen Qualifikationsplatz (Slot) für die WM in Las Vegas für meine Altersklasse (W25-29). Eine kleine Hoffnung ließ mich trotzdem zur Slotvergabe  gehen.

Glück – Und so wurde mein Durchhaltevermögen belohnt. Keine der beiden schnelleren Frauen wollte den Slot annehmen. Als dann mein Name wie eine Frage im Raum hing, brauchte ich nur noch den Arm zu heben und zu bestätigen. – Ja. Ich möchte gern zur 70.3 WM fahren.

von Sarah Berndt